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Unser Dorf soll schöner werden – mit Gülle und Fischen

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«Wir lassen unser Dorf nicht sterben»: Das sagten sich die Menschen
in Oberndorf bei Cuxhaven, als immer mehr Einrichtungen in ihrem Ort
geschlossen wurden. Sie gründeten eine Aktiengesellschaft und machen
nun mit Gülle Kasse. Davon hat das Dorf genug.

Oberndorf (dpa) – Die Sparkasse ist seit kurzem weg, der Schlachter
auch. Die Grundschule hat 2014 dicht gemacht, die Kneipe Lührs schon
vor Ewigkeiten. Dem 1400-Einwohner-Ort Oberndorf im Kreis Cuxhaven in
Niedersachsen geht es nicht anders als anderen Dörfern: Immer mehr
Infrastruktur verschwindet. Doch die Oberndorfer wollen sich damit
schon lange nicht mehr abfinden. «Wir lassen unser Dorf nicht
sterben», sagt Bewohner Bert Frisch. So kam die Idee mit der Gülle.

Doch der Reihe nach: Als der Bestand der Grundschule bedroht war,
formierte sich Widerstand. «Das Dorf war wütend», sagt der 68-jährige
Frisch. Die Bewohner überlegten, ob es möglich wäre, die Schule
selbst zu betreiben. Viel Geld müsste man in die Hand nehmen.
Zusammen mit einer Berliner Projektagentur entstand die Idee, eine
Bürgeraktiengesellschaft zu gründen.

Die Geschäftsgrundlage der Ostewert AG: Gülle. «Die gibt es hier in
Hülle und Fülle», sagt Ostewert-Vorstand Markus Haastert. «Jeder
Landwirt ist froh, wenn er sie loswird.» Aktionäre sind vor allem
Menschen aus dem Ort, aber auch aus der Region. Auch Bedenkenträger
gab es, aber nur wenige. «Wir haben im Dorf einen starken
Zusammenhalt», betont Bert Frisch. Die Aktionäre erhalten nun maximal
eine Dividende von acht Prozent. Darüber hinaus erzielte Gewinne
sollen ins Dorf gesteckt werden.

Die AG errichtete mit den Einlagen der Aktionäre eine kleine
Biogasanlage. Bauern liefern jetzt 15 Tonnen Gülle täglich an. Die
Anlage wird für 20 Jahre gefördert, jede erzeugte Kilowattstunde wird
hoch vergütet. «Das ist anders als bei den Anlagen, die im großen
Stil mit Mais betrieben werden», erklärt der 50-jährige Haastert.

Mit der Abwärme sollen die Gärreste demnächst auch noch zu Dünger
getrocknet werden. Vor allem aber wird mit der Abwärme eine
Fischzuchtanlage direkt neben den Biogastanks betrieben. In den
blauen Becken schwimmen zurzeit 20 000 afrikanische Raubwelse im 28
Grad warmen Wasser. «Das ist der einzige aquakulturfähige Fisch, der
ohne Antibiotika auskommt», sagt Markus Haastert. Der Verkauf des
Speisefisches an Industrie, Gastronomie und Privat hat gerade
begonnen. Die Resonanz ist vielversprechend.

Weil der afrikanische Raubwels noch wenig bekannt ist in Deutschland,
liefern die Oberndorfer die Rezepte gleich mit. Ausprobiert wurden
sie in der «Kombüse 53»: In der Kulturkneipe gibt es Ausstellungen,
Jam-Sessions und Lesungen. Nachdem das Dorfgemeinschaftshaus in
Oberndorf dicht gemacht hatte, wird die Kneipe ehrenamtlich betrieben
von Bewohnern wie Bert Frisch und seiner Frau Marlene.

Jetzt scheint es sogar ein Glücksfall zu sein, dass der Schlachter im
Ort in Rente gegangen ist und keinen Nachfolger hat: Die Metzgerei
soll für die Fischverarbeitung und den Versand genutzt werden. «Da
ist schon alles gefliest und es gibt die Maschinen», berichtet
Frisch.

Der Dokumentarfilm «Von Bananenbäumen träumen» erzählt die
ungewöhnliche Geschichte der Oberndorfer. Die Hamburger Filmemacherin
Antje Hubert begleitete die Dorfbewohner drei Jahre lang mit der
Kamera. Der Film startet bundesweit am 30. März in den Kinos. Der
Titel weist darauf hin, dass es bei der Fischzucht allein nicht
bleiben muss. «Der Kot der Fische wäre auch ein hervorragender Dünger
für den Gemüse- und Obstanbau», sagt Haastert. «Die Bananen sind ein
Sinnbild dafür, das nichts unmöglich ist.»

Mit Problemen, wie sie Oberndorf hat, haben viele Dörfer zu kämpfen.
Der Bevölkerungsschwund auf dem Land konnte nach Angaben des
Soziologen Steffen Kröhnert von der Hochschule Koblenz zwar zuletzt
durch die Migration zumindest in einigen Regionen Deutschlands
gestoppt werden. Doch das Stadtleben sei für viele junge Leute
attraktiver als das auf dem Land. «Die kulturellen Ansprüche sind
gestiegen», nennt Kröhnert einen der Gründe. «Der Dorftanz einmal in
Jahr reicht nicht mehr.» Auch die Betreuung von Kindern sei in der
Stadt meist vielfältiger.

Das wissen auch die Oberndorfer. Deshalb haben sie schon vor der
Gründung der AG vieles im Dorf ehrenamtlich und mit Spenden
finanziert auf die Beine gestellt. Seit der Schließung der Schule
wartet auf die Kinder etwa ein kostenloses Nachmittagsprogramm:
Töpfern, Nähen und Segeln. «Damit wollen wir junge Familien für
Oberndorf gewinnen», sagt Frisch – und hofft, dass es dann
möglicherweise in einigen Jahren auch wieder eine Grundschule gibt.

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