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Eltern zwischen Liebe und Loslassen: Helikopter sind nur die Anderen Von Cordula Dieckmann

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München (dpa) – Eltern können anstrengend sein. Wer in Kindergarten,
Schule oder Sportverein tätig ist, weiß das. Das richtige Essen (nur
Bio), die passenden Noten (mindestens gut), die beste Förderung (für
das eigene Kind), all das fordern besorgte Mütter und Väter ein. Das
Beste, Schönste, Größte, drunter geht es nicht für die Sprösslinge,
die nur deshalb so anstrengend seien, weil sie so genial sind.
Helikopter-Eltern werden diese Erwachsenen auch genannt, die mit
großem Getöse um ihre Lieblinge schwirren. Mit dem Wirbel, den sie
dabei veranstalten, sind sie ein unerschöpfliches Thema für
Anekdoten.

Etwa die von dem Siebtklässler, der mit zwei Mädchen ins Kino gehen
wollte. Allerdings hatte er nicht mit seinen Eltern gerechnet, die
eine Bedingung stellten: Die Mutter würde ihnen inkognito folgen. Was
für ein entspannter Ausflug, zumal für einen Teenager! Als die
Deckung aufzufliegen drohte, stellte sich die Frau als eine Nachbarin
vor. Auch nicht schlecht: Eltern, die einen 50 Jahre alten Apfelbaum
im Garten fällen, weil ihrem Kind kein Apfel auf den Kopf fallen
soll. Und dass bei schlechten Noten so manche Familien den Lehrern
gleich mit dem Anwalt drohen, ist ohnehin nichts Neues mehr, wenn sie
sich nicht direkt an die Schulaufsicht oder das Ministerium wenden.
Ärgerlich auch die Eltern, die ihre Lieblinge in dicken Autos bis vor
die Schultür karren. Rücksichtslos versperren sie die Gehwege und
bringen andere Kinder, die zu Fuß kommen, in große Gefahr.

«Ich sitze seit Jahren auf Elternabenden in der Schule, wo die Lehrer
darum bitten, dass die Eltern die Referate nicht für die kleinen
Kinder schreiben», sagt die Journalistin Carola Padtberg, die mit
ihrer Kollegin Lena Greiner die Auswüchse des Helikopterns in einem
sehr vergnüglichen Buch zusammengetragen hat: «Verschieben Sie die
Deutscharbeit – mein Sohn hat Geburtstag!». Padtberg weiß auch von
Eltern zu berichten, die sich noch in die Berufsausbildung der Kinder
einmischen oder sie bis an die Universität verfolgen und dort wissen
wollen, wann der erste Elternabend stattfindet.

Auswüchse, die nicht gut sein können. «Jeder muss mal scheitern,
braucht mal ein aufgeschürftes Knie», sagt Padtberg, selbst Mutter.
Josef Kraus, früher Vorsitzender des Deutschen Lehrerverbandes, kam
zu einem ähnlichen Schluss. Er machte die Überidentifizierung der
Eltern mit ihren Kindern dafür verantwortlich. «Immer mehr Eltern
reagieren auf Misserfolge ihres Kindes mit narzisstischer Kränkung»,
sagte er damals. «Es wird eine unmündige Generation erzogen.»

So dramatisch sieht es der Kinder- und Jugendpsychiater Michael
Schulte-Markwort aus Hamburg nicht: «Ich freue mich sehr darüber,
dass Eltern fürsorglicher geworden sind», meint er. «Es gibt
überhaupt keine Hinweise, dass unsere Kinder lebensunfähiger oder
psychisch unpraktischer geworden sind». Man dürfe die Beziehung nicht
diskreditieren, die in vielen Familien sehr gut sei.

Verständnis hat auch Simone Fleischmann, Vorsitzende des Bayerischen
Lehrer- und Lehrerinnenverbandes (BLLV). «Eltern wollen für ihr Kind
das Beste und das ist sehr legitim», meint die langjährige Rektorin.
Viel wichtiger sei die Frage: «Warum muss eine Mutter wie ein
Helikopter um das Kind kreisen?». Sie macht das Schulsystem
verantwortlich, das die Mitarbeit der Eltern geradezu einfordere und
in dem sich viele Familien alleingelassen fühlten.

Auch Padtberg und Greiner räumen im Schlusswort ihres Buches ein,
dass die meisten Eltern in Ordnung sind. Padtberg versucht selbst,
cool zu bleiben, auch auf die Gefahr hin, als Rabenmutter zu gelten,
etwa wenn ihr Kind hinfällt und sie nicht Globuli oder passende
Hausmittel parat hat. «Deswegen trage ich nicht 24 Stunden am Tag
eine halbe Zwiebel in meiner Handtasche. Aber es gibt Mütter, die das
tun, die schaukeln sich auch gegenseitig hoch», hat die Journalistin
beobachtet. «Vielleicht kann unser Buch dazu beitragen, dass man sich
reflektiert und sich selbst beobachtet, wenn man sein Kind
begleitet.»

Doch – Hand aufs Herz – wer hat sich nicht schon mal selbst dabei
ertappt, wie er es mit der Fürsorge übertreibt? «Irgendwie hat jeder
schon mal so was erlebt, hält sich aber selbst nicht für betroffen»,
meint die Autorin. «Helikopter, das sind immer nur die anderen.»

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